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Überarbeitete und erweiterte Fassung eines Vortrages, gehalten am 3.06.1998 im Rahmen der Vorlesungsreihe "Psychoanalyse und Erziehung" an der Universität Hamburg
BEHINDERTENPÄDAGOGIK, 38. Jg., Heft 2/1999, Seite 187-202
Gliederung
Einleitung 1. Aggressivität als Fragestellung an eine psychoanalytisch orientierte Pädagogik 2. Kampfsport als Schwarz-Weiß-Malerei? 3. Philosophische Anmerkungen im Kontext asiatischer Kampfsystem 4. Wenn Bildungsbürger Boxen ... Zusammenfassung Literatur Anschrift des Verfassers:
In meiner Arbeit mit Kindern, aber auch mit Jugendlichen und Jungerwachsenen
verschiedenster sozialer Herkunft sind mir immer wieder bestimmte Szenen und
Momente aufgefallen. Es handelte sich dabei in der Regel um Prozesse, bei
denen das Thema "Grenzen und Grenzsetzung" im Vordergrund stand. Mir
ist deutlich geworden, daß Kampfsportarten (1) sehr dazu geeignet zu sein
scheinen, Grenzsetzungen und das Einhalten von Regeln und Strukturen zu
unterstützen. Diese Prozesse verlaufen weitestgehend ohne sprachliche
Einwirkungen. Das heißt die Regeln müssen natürlich erklärt werden, aber
es fällt auf, daß sich auch solche Jugendliche an sie halten können, die
ansonsten eher Schwierigkeiten mit Regeln und Anpassung an Regeln haben. Daher
ist zu vermuten, daß Kampfsportarten immanent etwas enthalten, das die
Beachtung von Regeln und Grenzen erleichtert.
Regeln und Grenzen sind insbesondere für dissoziale Kinder und Jugendliche
eine wichtige Orientierungshilfe, eine besonders strenge Reglementierung
reicht jedoch in der Regel nicht aus. Das alleinige Verbieten negativer Wut führt
meistens nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Das auftretende
aggressiv-destruktive Verhalten muß vom Lehrer verstanden werden, da nur dann
die Strukturen durchbrochen werden können, die das Verhalten immer wieder
hervorrufen. Zu diesem Verstehen gehört natürlich auch eine genaue
Koordination von Inhalten, Methodik in Bezug auf die jeweilige Gruppe.
Es sollte daher sehr genau unterschieden werden zwischen der durchaus
sinnvollen und notwendigen Einhaltung bestimmter Regeln und dem oftmals unerträglich
selbstherrlichen Auftreten nicht weniger Kampfsportler, die sich aufgrund
ihres erworbenen schwarzen Gürtels "Meister" nennen dürfen. Viele
Äußerungen und "philosophische Weisheiten" von Kampfsportmeistern
- und zwar von asiatischen wie deutschen - sind an Lächerlichkeit und Banalität
kaum zu überbieten.
Ich werde in erster Linie auf Aggressionen und aggressiv-destruktive
Verhaltensweisen eingehen. Das soll keinesfalls bedeuten, daß es beim Ausüben
einer Kampfkunst immer nur um destruktive Formen von Aggressivität geht. So
ist für viele körperlich schwächere oder introvertierte Jungen und Mädchen,
die aufgrund mangelhafter Sozialisationserfahrungen oder klischeehafter
Rollenzuweisungen nie produktive körperliche Stärke erfahren konnten, eine
große Bereicherung, physische Geschicklichkeit und Kraft zu entfalten.
Ich kann allerdings kein festes Konzept vorstellen, wie Kampfkunst mit
Jugendlichen im pädagogischen Kontext betrieben werden kann oder soll. Daher
verstehe ich diesen Beitrag eher als Anregung und Versuch, psychoanalytisch-pädagogische
Elemente darzustellen und sie mit systemimmanenten Elementen verschiedener
Kampfsportarten zu vergleichen und wiederzuentdecken. Zur Illustration werde
ich einige Beispiele aus meiner Arbeit als Kampfsportlehrer darstellen und
reflektieren.
Asiatische Kampfsportarten haben Hochkonjunktur. Oftmals löst bereits das Erwähnen
von Sportarten wie "Karate" oder "Kung-Fu" vor allem bei
Jungen Größenphantasien aus: Tritte, Sprünge oder Schläge werden ausgeführt,
Kraft und Macht sollen demonstriert werden. Vor allem bei Kindern und
Jugendlichen mit Verhaltensauffälligkeiten ist ein besonders ausgeprägtes
Bedürfnis nach Omnipotenz und Allmacht zu verspüren; mit diesen
Selbstanteilen werden die Schüler im Kampfsport dementsprechend stark
konfrontiert. Sie machen dabei die nicht selten schmerzhafte Erfahrung, daß
zwischen Phantasie und Realität eine Kluft existiert. In der Hilfe zur Überbrückung
dieser Kluft und damit in der Annäherung beider Pole sehe ich eine der
Hauptaufgaben des Kampfsportlehrers.
Die Meinungen und auch die Erkenntnisse über Kampfsportarten sind in der Öffentlichkeit
- auch in der wissenschaftlichen - eher uneinheitlich. Asiatische Kampfsysteme
genießen dabei noch einen vergleichsweise hohen Stellenwert (vgl. Schweiger
1998, S. 20) und werden daher nicht selten als Kampfkünste bezeichnet
(vgl. Kuhn: Kampfkunst in der Jugendarbeit, 1994; Schettgen: Asiatische
Kampfkunst als Bildungsprogramm, 1998; Wolters: Kampfkunst als Therapie,
1992). Der Hinweis auf den künstlerisch-philosophischen Charakter v.a.
asiatischer Kampfsysteme verspricht ein Additiv, das nicht durch sportliche
Betätigung erreichbar zu sein scheint. Ich habe in Gesprächen mit
Kampfsportmeistern - auch mit asiatischen - jedoch den Eindruck bekommen, daß
diese zwei Bereiche, Sport und Kunst, hier nicht unbedingt voneinander zu
trennen sind, sondern zwei Seiten derselben Medaille darstellen. Daher
verwende ich beide Begriffe synonym.
Das Thema 'Gewalt und Aggressivität' beherrscht zur Zeit die pädagogische
Diskussion. Lehrer - wie alle anderen an der Erziehung Beteiligten - stehen
z.T. fassungslos Gewaltakten gegenüber, die sich auf Schulhöfen und
Schulwegen abspielen. In diesem Zusammenhang ist es interessant zu beobachten,
daß Kampfsportarten eine merkwürdige Attraktivität ausüben können. Die
meisten von uns kennen Bilder aus Kung-Fu-Filmen oder auch - weniger exotisch
- aus Kampfsportvereinen, bei denen Disziplin, Ordnung und moralische Integrität
die höchsten Ziele zu sein scheinen. Es wird dort vermittelt, daß Ein- und
Unterordnungsfähigkeit noch echte Tugenden seien, die immer einen gefestigten
und guten Charakter hervorbrächten. Das hört sich ganz nach dem lange
gesuchten Patentrezept an: Endlich haben wir ein Konzept gefunden, das aus
verwahrlosten Jugendlichen Heilige macht.
Aggressive Impulse und Handlungen von Kindern und Jugendlichen können über
weite Strecken die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler bestimmen. Sie können
diese Beziehung so weitreichend beeinflussen, daß eine reale Sicht der Dinge
unmöglich wird und Affektentladungen seitens des Lehrers/der Lehrerin zu
einer verständlichen Reaktion auf die unerträglich gewordene konkrete
Situation werden können. Eine psychoanalytische Sicht kann hierbei helfen,
die Situation aus der Distanz zu betrachten (vgl. Ahrbeck 1997, S. 12) und die
ablaufenden Prozesse nicht zu verleugnen.
Verschiedene psychoanalytische Schulen haben sich mit der Frage nach dem
Ursprung und der Behandlung/Umgang mit aggressiv-destruktivem Verhalten beschäftigt.
Einer der bedeutendsten frühen Vertreter hierzu ist sicher August AICHHORN.
AICHHORN hat in seinem 1925 erschienen Buch "verwahrloste Jugend"
eine Behandlungsmethode mit hochaggressiven Heranwachsenden vorgestellt, die
geprägt war von Milde und Gewährenlassen. Er hat mit seiner Methode die
Erwartungen der Jugendlichen bezüglich Strafe und Zucht unterlaufen, indem er
entgegen ihrer Annahme auf Härte mit Güte reagierte. AICHHORN ging davon
aus, daß die Jugendlichen einen Raum bräuchten, "in dem sie ihren
Triebimpulsen folgen können - ohne daß sofort interveniert und moralisch
bewertet und verurteilt wird" (Ahrbeck 1997, S. 13). Das schädigende -
auch selbstschädigende - Verhalten könne, so AICHHORN, erst dann aufgegeben
werden, wenn es zu einem Bündnis der Akzeptanz zwischen Lehrer und Schüler
gekommen ist.
"Bündnis der Akzeptanz" - das hört sich gut an. Leider bleiben
einige nicht unerhebliche Aspekte hierbei unberücksichtigt.
Zunächst einmal die Pädagogen: AICHHORN stellt fest, daß seine Methode
ihnen einiges abverlange und nicht selten dazu führe, daß verschlissene
Erzieher und Erzieherinnen ausgetauscht werden mußten. Das ist auch verständlich,
wenn man überlegt, was eine solche Nicht-Beachtung von Aggressionen einem
abverlangt: Absolute Güte und Milde werden vor allem dann zu einem
existentiellen Problem, wenn die eigenen Gefühle und Reaktionen nicht
reflektiert eingesetzt werden.
Aber auch aus Sicht des Jugendlichen ist eine komplett permissive Haltung
fragwürdig. So geraten die negativen Folgen eines blinden Ausagierens
destruktiver Impulse auf die Ich-Struktur nicht in den Blick. Salopp
gesprochen: Was sollten die Jugendlichen denn noch anstellen, um eine echte
Reaktion und eine Grenze zu erfahren?
Eben jene Grenzsetzung betonen REDL u. WINEMAN in ihrem 1951 erschienen Buch,
das sicher zu den Klassikern psychoanalytischer Pädagogik gezählt werden
kann: "Kinder, die hassen". Die beiden Autoren belegen anhand sehr
eindrücklicher Falldarstellungen die Bedeutung von verbindlichen Regeln und pädagogischen
Programmen für die Ich-Entwicklung Heranwachsender.
Störungen des Ich als die zentrale Stelle der Realitätsbildung in der
menschlichen Psychodynamik, sind 'bei Kindern, die hassen', verantwortlich dafür,
daß eine massive Überflutung von Anforderungen wahrgenommen wird, die nicht
oder nur ungenügend verarbeitet werden kann. Die Selbstkontrolle ist bei
diesen Jugendlichen stark eingeschränkt und es kommt zu einem massiven
Abwehrverhalten gegenüber allem, was nicht unmittelbar integriert werden
kann. Aufgabe der Lehrperson ist es dementsprechend, sogenannte Hilfs-Ich-Funktionen
zu übernehmen, d.h. zunächst dafür zu sorgen, daß das Kind die Umwelt
nicht als übermächtig und überwältigend erleben muß. Lernsituationen müssen
aus dieser Perspektive demnach so gestaltet sein, daß eben keine Überforderung
des Ich stattfindet; Kränkungen und Enttäuschungen, die sich aus
Lernsituationen immer ergeben, müssen für das Kind kontrollierbar sein.
Dadurch wird es dem Kind möglich, seinen Emotionen nicht hilflos ausgeliefert
zu sein, also einen Zugang zur Realität zu behalten. Dies setzt u.a. voraus,
daß man das Kind und dessen Geschichte gut kennt und die Institution über
nicht unerhebliche personale und materielle Ressourcen verfügt.
Diese angestrebte Ich-Stärkung ermöglicht es dem Kind auch, eine
Handlungsstruktur aufzubauen. Man könnte vielleicht sagen: Eine zunehmende
innere Struktur korrespondiert mit einer wachsenden äußeren Struktur. Auch
hierbei wird die Notwendigkeit deutlich, Lernangebote so zu strukturieren, daß
sie die aktuellen Möglichkeiten des Kindes weder über- noch unterfordern.
Ein großes Problem besteht jedoch darin, daß die wenigsten aggressiven und
destruktiven Kinder und Jugendlichen überhaupt dazu in der Lage bzw. bereit
sind, eine verläßliche und stabile Beziehung zu einem Lehrer/einer Lehrerin
einzugehen. Es ist für diese Heranwachsenden sehr schwer, über ihre
Emotionen auf einer sprachlichen Ebene zu kommunizieren. Ein In-Sprache-Fassen
von Enttäuschung, Wut, Trauer, aber auch von Freude und Zufriedenheit gelingt
aus den unterschiedlichsten Gründen in aller Regel nicht.
Psychoanalytisch-verstandene Pädagogik stößt nach meiner Einschätzung
besonders dann in der Arbeit mit aggressiven Kindern und Jugendlichen sehr
bald an ihre Grenzen, wenn sie sich zu sehr auf Sprache und verbale Prozesse
verläßt (2).
Aus der klinischen Psychologie stammt ein Konzept, das in den letzten
Jahrzehnten stark rezipiert wurde: die Narzißmustheorie (3). Hinter dieser
Theorie steht der Gedanke, daß in bestimmten Fällen nicht eine unmittelbare
Schädigung des ICH oder der Triebstruktur vorliegt, sondern eine massive
Beeinträchtigung des Selbst. Ich möchte hier jetzt nicht auf die klinischen
Begründungen dieses Konzeptes eingehen, sondern nur herausfiltern, was in
unserem Kontext von Bedeutung sein könnte.
Viele Kinder und Jugendliche - und zwar auch die stark aggressiven - fallen
durch eine extreme narzißtische Bedürftigkeit auf: Nähebedürfnisse
wechseln sich ab mit Distanzwünschen, Gefühle von Leere und Sinnlosigkeit
treten ebenso auf wie Selbstunsicherheit und Kränkbarkeit. Narzißtisch
beeinträchtigte Kinder und Jugendliche versuchen, diese bedrohlichen Gefühle
durch ausgeprägte Omnipotenz- und Allmachtsvorstellungen auszugleichen. Sie
bewegen sich in einem sehr schwer zu verstehenden Wechselspiel zwischen dem
Angewiesensein auf Bewunderung und Zuneigung bei oftmals gleichzeitiger Abwehr
jeglicher eigenen Gefühle von Bedürftigkeit und Wünschen nach Nähe und
Anlehnung.
KOHUT beurteilt das Entstehen von Aggressionen anders als FREUD. Während
einer bestimmten Entwicklungsphase lernt der Säugling die Mutter als ein von
ihm getrenntes Wesen wahrzunehmen. Hierbei entsteht, so KOHUT, eine primäre,
nicht-destruktive Wut, die die Funktion der Abgrenzung hat. Durch sie erlebt
sich der Säugling als ein eigenständiges Wesen und kann die auftretenden
Angstgefühle überspielen, die eine Trennung mit sich bringt. Das Kind
entwickelt unrealistische Gefühle von Grandiosität und Omnipotenz von sich
selbst. Es versucht ebenso, die bisher erlebte Vollkommenheit einem
bewunderten, idealisierten Objekt zuzuschreiben. Das Kind besetzt also nicht
nur sich selbst mit Allmachtsvorstellungen, sondern auch die Eltern. Wenn die
Eltern die primäre, nicht-destruktive Wut des Kindes nicht annehmen können,
und wenn sie darüber hinaus nicht dazu in der Lage sind, ihr Kind emphatisch
und behutsam zu desillusionieren (Kohut 1979, S. 111, spricht hier von
"optimalen Frustrationen"), kann diese primäre Aggressivität nicht
in die reifende Persönlichkeit integriert werden. Es entsteht hier eine
chronisch-narzißtische Wut, die in ihrer Unreife erhalten bleibt und daher
nach Wiederholung strebt. Die Qualität der Grenzerfahrungen, die das Kind mit
der elterlichen Verfügbarkeit macht, ist daher entscheidender Faktor für das
gesamte spätere psychische Erleben des Erwachsenen. Eltern müssen aber
ebenso in der Lage sein, die Grandiositäts- und Allmachtsvorstellungen ihres
Kindes zulassen zu können.
Damit das Kind in die Lage versetzt wird, ein gesundes Selbst auszuprägen, müssen
die Eltern also eine Balance schaffen zwischen Emphatie und einem gewissen
"Maß an Enttäuschung des kindlichen Vertrauens in die Vollkommenheit
der Emphatie (...)" (Kohut 1979, S. 113). Nur so werde das Kind darauf
vorbereitet, "daß die Welt reale Feinde enthält, d.h. andere Selbsts,
deren narzißtische Bedürfnisse dem Überleben des eigenen Selbst
entgegenarbeiten" (a.a.O.). Destruktive Aggression wird von KOHUT somit
nicht als ein Trieb angesehen, der gezähmt werden muß; vielmehr handelt es
sich dabei um nicht-integrierte frühkindliche Wut, die nicht angemessen
akzeptiert und aufgefangen worden ist.
Wenn wir an die einschlägigen Kung-Fu- und Actionfilme denken, dann fällt
auf, daß die Szenerie klar aufgeteilt ist. Es gibt eine Welt der Guten und
eine Welt der Bösen. Die Menschen beider Gruppierungen fallen durch
entsprechende Klischees und Typisierungen auf, die sie als Angehörige der
jeweiligen Gruppe sofort kenntlich werden lassen. Die Guten haben sich immer
gegen die Bösen zu verteidigen, wobei der inhaltliche Grund dieser
Auseinandersetzungen austauschbar ist. In Kung-Fu- und Karate-Filmen wird die
ganze Handlung in der Regel begleitet von stark symbolhaften Inszenierungen:
Die Angehörigen einer bösen Kampfsportgemeinschaft überfallen die
Mitglieder einer guten, sie morden und rauben. Zum Schluß kommt es zum
absoluten Höhepunkt der Veranstaltung - zwei Meister oder wenigstens zwei
Meisterschüler treten gegeneinander an, der böse stirbt, manchmal - wie
dramatisch - auch der gute. Ich vermute, daß ein bestimmtes Element dieser
Filme sie so attraktiv macht für viele Heranwachsende. Es handelt sich
hierbei genau um die Aufspaltung der Welt in gut und böse. Dies ist eine
Dynamik, die in der praktischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen häufig
auftaucht. Eine besondere Brisanz stellt diese Aufspaltung jedoch dann dar,
wenn für den einzelnen Jugendlichen aufgrund seiner
biographisch-sozialisatorischen Negativerfahrungen nicht die Option offen
steht, diese Logik auch wieder zu verlassen.
Ziehen wir also ein erstes Fazit:
1. Es hilft wenig, das aggressiv-destrukive Verhalten von Jugendlichen
lediglich als einen Trieb im Kind anzusehen. Diese Sichtweise könnte dazu
verführen, das Kind diesen Trieb ungehemmt ausagieren zu lassen oder - im
Gegenteil - den Trieb unter Verschluß halten zu wollen. In beiden Fällen
wird man aber dem Kind keinen Gefallen tun. Läßt man es den Impuls ungehemmt
ausagieren, wie wir es am Beispiel AICHHORNs kurz dargestellt haben, entziehen
wir jegliche Struktur. Feste Regeln gehören hier ebenso dazu, wie
verständliche und eindeutige Grenzsetzungen. Werden diese Regeln und
Grenzen nämlich nicht gesetzt, laufen die aggressiven Handlungen des Kindes
also ins Leere, erfolgt eine Verunsicherung. Eine gesetzte, klare Struktur
schließlich kann dem Kind/Jugendlichen dabei helfen, sich nicht als Opfer des
Lehrers/der Lehrerin oder, noch schlimmer, als Opfer fremder Mächte
anzusehen. Struktur und strukturierter Unterricht unterstützen vielmehr die
notwendige Entwicklung einer inneren, reifen Struktur (ein reifes Über-Ich),
ist also notwendige Voraussetzung, um sich selbst und die eigenen Handlungen
als schlüssig und stimmig zu erleben.
Zu den strukturbildenden Elementen der Kampfsysteme zählt zunächst der klar
gegliederte und gleichförmige Aufbau des Trainings: Jede Unterrichtsstunde
verläuft nach demselben Muster. Es beginnt mit Aufwärm- und Gymnastikübungen,
es folgen verschiedenste Kraft- und Technikübungen, die dann entweder alleine
oder mit einem Partner verfestigend geübt werden. Damit die oftmals fremden
und nicht einfachen Techniken sicher mit einem Partner durchgeführt werden können,
müssen sie so lange wiederholt werden, bis die Bewegung automatisch, intuitiv
beherrscht wird. Desweiteren ist der Faktor Zeit eine strukturgebende Einheit:
Jede Partnerübung und später auch das kampfähnliche Sparring sollten
zeitlich fest begrenzt sein. Die Übenden erhalten dadurch die Gewißheit, daß
eine anstrengende Übungseinheit nicht beliebig oder endlos lange andauert,
sondern klar begrenzt ist.
2. Die Allmachts- und Omnipotenzvorstellungen des Kindes/Jugendlichen müssen
abgebaut und integriert werden. Es ist wenig sinnvoll, den Schüler
unmittelbar mit seinen verdrängten, weil ungeliebten Selbstanteilen zu
konfrontieren. Als Lehrer würde man dadurch vermutlich nur erreichen, daß
man selber als "böses Objekt" wahrgenommen wird und das Kind/der
Jugendliche die guten Intentionen nicht wahrnehmen kann. Konkret heißt das:
Unterrichtssituationen dürfen nicht überfordern und nicht unterfordern.
Damit Allmachts- und Omnipotenzvorstellungen nicht zu einer Reinszenierung früherer
Traumata führen, ist emphatisches Eingehen notwendig. Auch hier stoßen wir
wieder an die bereits erarbeiteten Grenzen: Grenzen müssen gesetzt werden,
damit der Schüler im Sinne KOHUTs angemessen desillusioniert wird.
Dem Kampfsportlehrer kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu.
Er ist zum einen für die Jugendlichen Projektionsfläche für ihre
Allmachtsvorstellungen: Der Meister soll das können, was die Schüler gerne können
würden und aus Filmen bereits kennen. Ihm kommt die schwierige Aufgabe zu,
klare Autoritätsperson zu sein, zugleich aber emphatisch und einfühlend auf
die Bedürfnisse seiner Schüler eingehen zu müssen. Es geht zumindest in den
asiatischen Kampfkünsten nicht nur um Technik und Körperbeherrschung,
sondern Reifung und psychisches Wachstum sind ebenso Teil des Systems. Daher
kommt dem Meister hier die Aufgabe zu, seine Schüler auch auf diesen Ebenen
unterstützen zu wollen und zu können.
3. Die Besonderheiten und speziellen Aufgaben, die die Arbeit mit beeinträchtigten
Kindern und Jugendlichen an uns stellt, macht u.U. eine Veränderung des üblichen
Kampfsportsettings notwendig. Es kommt meiner Einschätzung nach weniger
darauf an, den traditionellen Rahmen unter allen Umständen aufrecht halten zu
wollen. Auch eine Einbindung in Vereine, Sport- und Fitnessclubs erscheint mir
problematisch: Traumatisierte Heranwachsende treffen dort auf Strukturen, die
in der Regel nicht auf die speziellen Bedürfnisse der hier beschriebenen
Klientel eingestellt sind. In der unreflektierten Konfrontation dieser
Jugendlichen mit den sehr anstrengenden Übungen und der körperlichen
Auseinandersetzung mit u.U. leistungsfähigeren Jugendlichen, kann ein Abbruch
der Trainingsbemühungen geradezu provoziert werden. Darüber hinaus scheint
mir der oftmals rüde und nicht selten entwertende Umgangston in
Kampfsportvereinen wenig geeignet, Jugendlichen mit unterschiedlichen Mißbrauchserfahrungen
eine haltende und emphatische Unterstützung zu bieten. Der Schule und der
Jugendhilfe kommt nach meiner Einschätzung hier in Zukunft die besondere
Aufgabe zu, nach gemeinsamen Lösungswegen zu suchen, die sowohl einer sozialpädagogischen
Lebensweltorientierung Genüge tun, wie ebenso dem schulischen
Erziehungsauftrag.
4. Es werden immer wieder Bedenken geäußert, ob das Praktizieren einer
Kampfkunst nicht das Gewaltverhalten Jugendlicher noch verstärken würde.
Darauf folgt häufig das Argument, daß viele Heranwachsende ja eine
Kampfsportart lernen und dennoch gewalttätiges Verhalten praktizierten. Dabei
wird jedoch selten beachtet, wo und wie diese Jugendlichen eine Kampfsportart
praktizieren. TIWALD betont die Bedeutung des Settings beim Ausüben einer
Kampfsportart, wenn er sagt, "... nirgendwo anders wird Aggressivität
(von besonders aggressiven Menschen) mehr abgebaut, als in einem ernst
betriebenen und gut geleiteten Kampfsporttraining" (zit. nach
Grabert 1996, S. 18). Empirische Untersuchungen scheinen TIWALD recht zu
geben. Ich möchte nur kurz auf zwei Untersuchungen verweisen, die den Kontext
von Gewalt und Kampfsport thematisieren. Erstens die Dissertation von WOLTERS,
der mit hochaggressiven jugendlichen Straftätern über einen bestimmten
Zeitraum einen Karatestil trainierte. Das Training wurde therapeutisch unterstützt
und ausgewertet.
Zweitens die Dissertation von GRABERT, der eine bundesweite empirische
Erhebung zum Thema "Karate-Do und Gewaltverhalten" durchführte. Er
befragte aktive Kampfsportler und führte Tiefeninterviews mit namhaften Großmeistern.
Beide Autoren kommen trotz der sehr unterschiedlichen Zielgruppen zu dem Schluß,
daß das Ausüben einer Kampfkunst keinesfalls das Gewaltverhalten verstärkt.
Im Gegenteil: Die innerhalb der Untersuchungen signifikanten Werte belegen ein
Sinken der Gewaltbereitschaft und tatsächlich ausgeübten Gewalt unter den
Bedingungen eines entsprechend angeleiteten Trainings.
Wir wollen uns jetzt einige Grundlegungen asiatischer Kampfsportarten ansehen.
Wenn ich so vorsichtig von 'einigen Grundlegungen' spreche, dann deshalb, weil
asiatische Kampfkünste kein homogenes Gebilde darstellen. Es bestehen klare
Differenzen zwischen den philosophischen Grundlagen etwa verschiedener
chinesischer Kung-Fu-Stile und dem deutlich militärisch geprägten
koreanischen Taw Kwon Do. Was für uns Westler nach außen gleich aussehen
mag, ist bei genauerer Betrachtung nicht gleich.
Ich kann und möchte hier keine vergleichende Untersuchung zwischen
unterschiedlichen Kampfsportarten leisten, sondern eher exemplarisch auf einen
Aspekt v.a. japanischer Kampfsysteme kurz eingehen: dem Zen.
Wenn wir versuchen, asiatische Kampfkünste mit der westlich geprägten und
zudem wissenschaftlich begründeten Psychoanalyse zu vergleichen, müssen wir
uns bewußt sein, daß es sich hierbei um zwei vollkommen unterschiedliche
Traditionszusammenhänge handelt. Die Psychoanalyse ist im wesentlichen
a-religiös. Sie ist eine empirische Methode, die versucht, früheste
Erfahrungen eines Patienten zu erkennen und helfen will, traumatische
Erlebnisse zu verarbeiten. Psychoanalytische Pädagogik macht sich diesen
Sachverhalt zunutze und versucht, innerhalb des schulisch-institutionellen
Settings pädagogische Lösungswege für die staatlich angeordnete
Auseinandersetzung zwischen Lehrern und Schülern zu finden. Schule ist im
Gegensatz zur psychoanalytischen Behandlung keine freiwillige Angelegenheit.
Nach FROMM (1971) bestehen die Gemeinsamkeiten des Zen-Buddhismus und der
humanistischen Psychoanalyse darin, daß sie beide nach etwas streben, das über
eine reine ethische Handlungsanweisung hinausgeht, das sich aber nicht
verwirklichen läßt, wenn im Menschen keine ethische Wandlung stattfindet. In
beiden Systemen wird eine Führungsperson benötigt, die ihre Erfahrungen dem
Schüler/Patienten zuteil werden läßt und zu der der Schüler/Patient
freiwillig gekommen ist und freiwillig auch wieder weggehen kann. Schließlich
werden in beiden Systemen die Schüler/Patienten mit unbewußtem Material
konfrontiert - sie bleiben weder in der Analyse noch in der Meditation des Zen
auf der Ebene des intellektuellen Denkens stehen.
Ein wesentlicher Faktor v.a. asiatischer Kampfkünste ist in diesem
Zusammenhang die Etikette. Die Etikette spielt sowohl im Zen als auch in allen
asiatischen Kampfsportarten eine sehr große Rolle. Von KONFUZIUS etwa stammt
der Satz: "Wer die Etikette nicht achtet, wird niemals vollendet
werden" (zit. nach Grundmann 1983, S. 215). Dieser uralte Satz ist sicher
kennzeichnend für die Grundhaltung im Kampfsport, wobei die japanischen
Kampfkünste und das koreanische Tae Kwon Do als ehemalige Kriegstechniken aus
dem Bereich des Militärwesens stammen und daher immer eine gewisse
"Zwecketikettierung" festzustellen ist. Zur Etikette gehört auch
der Trainingsraum und das Verhalten dort. Dieser Raum (Dojo) ist ursprünglich
nach ästhetischen Idealen gestaltet gewesen und dementsprechend einfach,
schlicht und zweckmäßig (vgl. Grundmann 1983, S. 217). Hier ist eine
klare Verbindung mit der Ästhetik des Zen zu finden. Der Dojo wird nur mit
sauberer Kampfkleidung betreten, ebenso ist körperliche Sauberkeit Pflicht.
Als Zeichen der Achtung verbeugt man sich vor dem Betreten des Raumes, ebenso
ist die Verbeugung vor dem Beginn des Trainings und vor jeder Partnerübung
verpflichtend. Diese Verbeugung ist mehr als nur eine Formsache, sie ist eher
Zeugnis dafür, daß man den Übungspartner ehrt und vorsichtig und umsichtig
miteinander umgehen will. Die Verbeugung wirkt anfangs v.a. für
westlich-aufgeklärte Menschen sehr befremdlich, eine Verbeugung ist
insbesondere für Jugendliche eine etwas lächerliche und antiquierte
Angelegenheit. In meinen Kursen habe ich den Schülern erklärt, daß es sich
bei diesem Ritual um einen Vertrag handelt, der Fairness und Sicherheit
garantiere: Ich möchte nicht verletzt werden und möchte auch nicht meinen
Partner verletzen.
Wir sehen also, daß asiatische Kampfkünste eine ausgeprägte ethische
Grundlage beinhalten. In diesem Feld bewegt sich ein Großteil der pädagogischen
Arbeit: Nämlich einerseits klare ethische Ziele zu verfolgen, andererseits
aber mit Jugendlichen zu tun zu haben, die sich in aller Regel überhaupt
nicht für ethisch-philosophische Fragen interessieren.
Der Schulalltag von Jugendlichen wird fast ausschließlich bestimmt durch
kognitiv-sprachliche Anteile. Abgesehen von der Frage, ob die am bürgerlichen
Bildungspotential orientierten Werte, die in der Schule vermittelt werden
sollen, für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche wirklich von so überragender
Bedeutung sind, geht mit der Konzentration auf Sprache und Logik eine
wesentliche Dimension von Lernprozessen verloren: die Spiritualität.
Spiritualität ist natürlich eine sehr umstrittene pädagogische Kategorie,
die allenfalls in einigen religionspädagogischen Ansätzen systematisch
erarbeitet wird. Sie ist nicht in abprüfbaren Lernschritten zu erreichen, und
wenn wir an die unterschiedlichsten Sekten denken, die Spiritualität stark für
sich vereinnahmen, natürlich auch nicht unbedenklich.
Vor allem in asiatischen Kampfkünsten ist Spiritualität jedoch ein zentraler
Faktor: So sind etwa Meditations- und Kontemplationsübungen wesentliche
spirituelle Faktoren.
Ein weiterer Aspekt ist die starke symbolische Besetzung asiatischer
Kampfsysteme. Das heißt viele Bewegungen verweisen auf etwas, sie
stehen für etwas (vgl. hierzu Marquardt 1998, xy). Ich bin der
Meinung, daß pädagogische Ansätze, die die symbolische und spirituelle
Dimension aufgreifen, eine bedeutsame Ergänzung im schulischen Alltag
darstellen können.
Ich möchte zum Abschluß dieses ersten Teiles zwei Praxisbeispiele schildern,
die auf meiner persönlichen Einschätzung und Reflexion beruhen.
Um die Schüler in ihrer psychischen Reifung zu unterstützen, muß ein Lehrer
ausgesprochen emphatisch vorgehen können und in der Lage sein, die
Jugendlichen mit ihren Allmachtsphantasien anzunehmen und zugleich angemessen
zu desillusionieren.
Zunächst ein Beispiel, bei dem diese angemessene Desillusionierung nicht
geklappt hat und mein Unterricht deshalb vollkommen in die Hose gegangen ist:
Während eines Praktikums an einer Schule für Verhaltensgestörte hatte ich
mir vorgenommen, mit meiner Klasse - also mit fünf 14- bis 15jährigen
Jungen, die koreanische Kampfsportart Tae Kwon Do zu trainieren. Die
Klassenlehrerin und ich informierten die Jugendlichen hierüber und deren
Reaktion war überwältigend: Sie sprangen herum, vollführten wilde Tritte
und simulierten Kampfszenen, die sie vermutlich im Fernsehen oder Kino gesehen
hatten. Mich verunsicherte diese Reaktion sehr und ich fragte mich, ob es überhaupt
möglich sei, mit dieser Gruppe diszipliniert diesen Sport zu betreiben.
Es kam zur ersten Stunde, wir gingen zur Turnhalle, und in den Umkleideräumen
spielte sich dasselbe ab, wie einige Tage zuvor in der Klasse - mit einem
kleinen, aber wesentlichen Unterschied: Ich war nun allein mit diesen Jungen
in einer Sporthalle und hatte Großes vor.
Möglicherweise um meine eigene Unsicherheit zu kaschieren, v.a. aber, weil
ich die Allmachtsinszenierungen falsch verstand, gestaltete ich den Anfang des
Trainings sehr anstrengend: Auf-der-Stelle-Laufen, Hampelmann, Liegestütz,
Bauchaufzüge etc., also alles, was hart und schmerzhaft ist, kam zum Einsatz.
Ich habe mir alle Mühe gegeben, die Jungen auch wirklich nicht zu
unterfordern. Allerdings mit dem Ergebnis, daß sich alle nach 10 Minuten auf
die Erde setzten und mir geschlossen erklärten, sie hätten keine Lust auf
diesen Mist und außerdem hätte ich vom Kampfsport überhaupt keine Ahnung.
Ich rettete die Stunde, indem ich einige Basketbälle in die Runde warf und
geschehen ließ, was geschehen sollte.
Die subjektive Bedeutung des Satzes "Du hast ja überhaupt keine
Ahnung" wurde mir erst viel später bewußt. Ich hatte tatsächlich keine
Ahnung, wie das omnipotente Verhalten zu deuten sei.
Soviel zu meinen ersten Erfahrungen als Kampfsportlehrer mit
"schwierigen" Jugendlichen.
Auf die Verbeugung sind wir bereits eingegangen. Ich möchte Ihnen hierzu eine
Praxissituation schildern. Auch diese Situation ergab sich während des
bereits angesprochenen Praktikums.
In einem Gespräch über den Sinn und Zweck der Verbeugung sagte der 14jährige
Stefan zu mir: "Das ist super, dann kann ich dir besser ins Gesicht
treten." Einige lachten, ein Schüler wandte jedoch ein, daß es unfair
sei jemanden zu treten, der sich verbeugt. "Wer sich vor mir verbeugt,
ist schön blöd", antwortete Stefan hierauf.
Die wahre Bedeutung dieses Satzes wurde mir erst klar, als ich folgende Szene
im Klassenunterricht erlebte: Die Lehrerin lobte Stefan, weil er seine
Aufgaben gemacht und im Unterricht gut mitgearbeitet hat. Stefan reagierte mit
großer Abwehr, er sei "ein Idiot", der überhaupt nichts kann - die
Lehrerin "soll nicht rumspinnen". Nach dem Unterricht sprach ich die
Klassenlehrerin darauf an, und sie erklärte mir, daß Stefan auf Lob und
Anerkennung ständig mit aggressiver Abwehr reagiere.
Dieser Junge hat (im Sinne der Kohutschen Selbstpsychologie) offenbar neben
seinen Größenphantasien, die sich v.a. in aggressiven Verhaltensweisen
anderen Schülern gegenüber und einer ständigen Überheblichkeit zeigen,
offenbar auch Gefühle von Wertlosigkeit ausgeprägt. Diese zeigen sich in der
Regel dann, wenn er gelobt wird oder wenn man ihm Respekt bezeugt. Stefan
wehrt diese für ihn bedrohlichen Gefühle ab, indem er sie auf sein Umfeld
projiziert ("... dann kann ich dir besser ins Gesicht treten") oder
mit Selbstentwertung reagiert ("wer sich vor mir verbeugt, ist schön blöd").
Im weiteren Training weigerte sich Stefan, die Verbeugung auszuführen und
wollte auch nicht, daß sich die Schüler und ich uns vor ihm verbeugten. Ich
wollte auf diese Symbolhandlung jedoch nicht verzichten und schlug ihm vor,
sich doch eine eigene Form auszudenken, die er ausführen wolle. In einer der
folgenden Stunden zeigte er mir und der Gruppe eine Geste, die er in einem
Film gesehen hatte. Die Schüler fanden diese neue Form "viel
cooler", und wir behielten sie deshalb bei. Stefan wurde dadurch in die
Lage versetzt, eine Respektsbekundung zuzulassen. Über ein Gespräch und über
eine argumentative Auseinandersetzung wäre es sicher nicht möglich gewesen,
daß Stefan die für ihn so bedrohlichen Gefühle von Unterlegenheit und
Minderwertigkeit hätte aushalten können, die eine Verbeugung für ihn
bedeutete. Dieser Schritt einer Integration ist ihm erst durch das nonverbale
Agieren ermöglicht worden. Er hat in seinem Symbol der Verbeugung einen Weg
gefunden, seine Ängste und Unsicherheiten ein Stück weit auszuhalten und
kommunizierbar zu machen.
Der allgemeine Stellenwert des Boxens ist einheitlich niedrig. Bilder von Männern
(in jüngster Zeit auch von Frauen), die sich gegenseitig verprügeln, von
gebrochenen Nasenbeinen und aufgeplatzten Augenbrauen fallen uns ein. Möglicherweise
erinnern sich einige auch an den Weltmeisterschaftskampf im Schwergewicht
zwischen Mike Tyson und Evander Holyfield, bei dem der Herausforderer
"Iron" Mike seinem Gegner Teile des Ohres im Kampf abbiß.
Bei soviel Show und unangenehmer, ja ekelhafter Vorkommnisse fällt es schwer,
sich dem Boxsport ohne Vorurteile anzunähern. Und tatsächlich scheint es
vorurteilslose Analysen des Boxens kaum zu geben.
Ein Blick in die Literaturgeschichte zeigt, daß eine Vielzahl von
Intellektuellen und Schriftstellern einem idealisierten Bild dieses Sports und
seiner Ausübenden erlagen.
So etwa Jack LONDON, der den vielzitierten Ausdruck von der "großen weißen
Hoffnung" ("the great white hope") über den weißen
amerikanischen Boxer James Jeffreys prägte. Ein Satz, dessen perverser Inhalt
übrigens von Muhammad Ali angeprangert worden ist: "Nichts spiegelt die
Krankheiten der amerikanischen Gesellschaft deutlicher wider als ein
Weltmeisterschaftskampf zwischen einer weißen Hoffnung und einem
Schwarzen" (zit. nach Born 1997, S. 92).
So auch bei DöBLIN und BRECHT, deren Texte übers Boxen sicher nicht zu ihren
interessantesten Seite gehören, wie REEMSTMA (1995, S. 8) feststellt.
Jan Phillip REEMSTMA legte 1995 ein interessantes Buch vor mit dem Titel:
"Mehr als ein Champion: Über den Stil des Boxers Muhamad Ali".
REEMSTMA ist wie ein Philologe vorgegangen und hat anhand sämtlicher
Videoaufzeichnungen und Veröffentlichungen über Muhammad Ali dessen
Kampfstil analysiert. Entstanden ist eine ausgesprochen lesenswerte Einordnung
des Boxers in die kulturelle und politische Landschaft der USA.
Aber auch Reemstma bleibt trotz aller Genialität bei seiner Analyse des
Boxstils seiner Profession, eben der Philologie, treu. Er analysiert aus der
Ferne einen Boxer und dessen vita, dies leistet er zwar ausgesprochen einfühlsam
und nachvollziehbar, aber die Faszination, die das Boxen auf seine Sportler
ausübt, wird von ihm nicht erfaßt. Ebenso gerät nicht in den Blick, welche
soziale Bedeutung dieser Sport haben kann.
Welche subjektive Bedeutung kann denn die Mitgliedschaft in einem der
zahlreichen Boxclubs für die Jugendlichen haben, die eher eine Zuschauerrolle
in der Wandelhalle unserer Einkaufswelt einnehmen? Welche Bedeutung kann der
Faktor 'Kampf und körperliche Auseinandersetzung' für sozial benachteiligte
Heranwachsende haben?
Ich möchte hierzu auf eine amerikanische Untersuchung zurückgreifen. Es
handelt sich hierbei um die Feldforschungen von Luic WACQUANT. WACQUANT hat in
geradezu selbstaufopfernder Weise in einer mehrjährigen
ethnographisch-orientierten Untersuchung am Lebensalltag der Mitglieder
mehrerer Boxclubs in einem von Schwarzen bewohnten Ghetto von Chicago
teilgenommen. Er hat mit der Beobachterrolle gebrochen (Waquant 1992, S. 223)
und hat das Boxen komplett erlernt: "(...) ich trainierte regelmäßig im
Stoneland Boys Club mit lokalen Kämpfern, sowohl Amateuren als auch
Professionellen und verbrachte wöchentlich zwischen 3-7 Tage in dem
Sportstudio. Dabei habe ich an allen Phasen der Boxvorbereitung teilgenommen,
von den Basisübungen des Schattenboxens bis zum Sparring im Ring" (Übersetzung
A.M.).
Schauen wir uns diesen Sport ein wenig näher an. Bei der kampfähnlichen
Auseinandersetzung - dem Sparring - versuchen beide Partner durch Anwendung
der bisher erlernten Techniken eine Überlegenheit gegenüber dem anderen zu
erlangen. Damit dies auch tatsächlich durchgeführt werden kann, bedarf es
einer bedeutenden Routine und fester Regeln und Rituale. Anfänger werden
daher noch nicht in einen Übungskampf geschickt, da sie noch keine innere
Struktur ausgeprägt haben. Das heißt die Körperbewegungen sind noch nicht
kontrolliert und die Gefahr einer Verletzung wächst enorm. Erfahrene
Kampfsportler sagen immer wieder, daß es am schwierigsten ist, mit einem Anfänger
zu kämpfen, da dieser unkontrolliert vorgeht und wenig Kontrolle über seine
Beine und Arme hat. Das erste Ziel des Trainings ist es also, die Techniken
kennenzulernen und durch ständiges Wiederholen so weit zu automatisieren, daß
sie im Übungskampf reflexartig eingesetzt werden können.
Beim Sparring wird sehr deutlich, daß es sich nicht um ein abgekartetes
Spiel, um eine choreographische Leistung o.ä. handelt, sondern um eine
realistische Auseinandersetzung. Diese Auseinandersetzung erfordert vor allem
von Jugendlichen, die durch ein gewisses Aggressionspotential auffallen,
einiges ab. Kampfsportliche Auseinandersetzungen, insbesondere im Setting des
Boxens, scheinen aber für emotional beeinträchtigte Jugendliche
kontrollierbarer zu sein, als wir es von den Schulhöfen gewohnt sind.
Ich möchte Ihnen ein Beispiel aus der Praxis der Jugendhilfe zitieren:
"Sebastian ist in seiner Persönlichkeit stark auffällig und seit sieben
Jahren in öffentlicher Erziehung. Der Junge bereitete uns in der
Vergangenheit oftmals erhebliche Schwierigkeiten in der konkreten
Ausgestaltung der Betreuung, da er als Trebegänger im Hauptbahnhofsmilieu
sein eigenes Leben installiert hat und selten auf einer kognitiven Gesprächsebene
erreicht werden konnte. Grenzen und Regeln konnte er gar nicht oder nur sehr
bedingt akzeptieren. Schulisch und beruflich sind verschiedene
Integrationsversuche immer wieder gescheitert. Als Jugendhilfeträger stehen
wir hier in der Verantwortung, Angebote zur Förderung seiner Persönlichkeit
zu entwickeln, die ihm eine Chance zum Wachsen und Reifen in einem positiven
Sinne geben. (...). Sebastian hatte ein starkes Interesse am Boxen, und so
nahm ich ihn mit in den Trainingskeller. Hier machte ich erstaunliche
Beobachtungen. Nach einer Einführung in die wesentlichen Schlagtechniken am
Sandsack und einer kurzen Unterweisung in das Reglement ging es in den Ring.
Ganz gegen meine anfänglichen Befürchtungen, der Junge würde nur
unkoordiniert um sich schlagen und könne die Grundstellung im Boxen, wenn überhaupt,
nur sehr kurz aufrecht erhalten, zeigte sich Sebastian von einer, bis dahin
von mir nicht erlebten Seite. Sehr konzentriert nahm er jede von mir gegebene
Anweisung auf und versuchte, sie umzusetzen. Sebastian verlor zu keinem
Zeitpunkt die Übersicht und arbeitete auch dann konstruktiv mit, wenn er
selber in Bedrängnis war. Das sportliche Fairplay stand immer im Vordergrund.
Sebastian war auf einer Ebene zu erreichen, wie sie mir im langjährigen
Jugendhilfealltag nur sehr selten gelungen ist" (Schweiger 1998, S.
20f.).
Einige Begriffe, die hier verwendet werden, scheinen mir wichtig zu sein. Zunächst
einmal handelt es sich bei dem Jungen um einen Trebegänger, der im
Hauptbahnhofmilieu sein eigenes Leben installiert hat. Er war auf einer kognitiven
Gesprächsebene nur selten zu erreichen und akzeptierte Grenzen und
Regeln nur sehr bedingt.
Für den Jungen Sebastian, von dem wir eben gehört haben und unzählige
seiner oftmals desorientierten und desillusionierten Zeitgenossen kann der
Boxsport sicher mehr bedeuten, als eine Selbstinszenierung a lá RTL und SAT
1. Voraussetzung hierfür ist allerdings, daß nicht der Wettkampf und ein
wettkampfmäßiges Training im Mittelpunkt steht, sondern die Stärkung des
jeweiligen Schülers. Das heißt in einem Fall kann es durchaus sinnvoll sein,
die Leistungsfähigkeit und die Leistungsbereitschaft herauszufordern, in
einem anderen Fall würde dies möglicherweise zu einem Zusammenbruch der
Ich-Funktionen führen. Anders ausgedrückt: Die Kluft zwischen Allmacht,
Ohnmacht und Realität würde sich vergrößern.
WAQUANT erkennt deutliche strukturelle Verbindungen zwischen dem sozialen
Leben im Ghetto und dem "Boxen als einer proletarischen Körperkunst"
(1992, S. 225). Ein Teil dieser strukturellen Verbindung besteht darin, daß
der Club eine Insel der Stabilität und des Gesetzes konstituiere, wo soziale
Beziehungen wieder möglich werden, die außerhalb undenkbar sind. Das Gym
schottet sich hierfür weitestgehend von der Umwelt ab und fungiert so als
Puffer gegen die Sogwirkung des Ghetto-Lebens.
Für die sozial unterprivilegierten Sportler bedeutet das Ausüben dieser Körperkunst
eine Fixierung auf den eigenen Körper, dieser wird als etwas ausgesprochen
Wichtiges und Schützenswertes angesehen: Drogen, Alkohol, Zigaretten, ja
selbst schlechte Ernährung wird von den Sportlern vermieden bzw. komplett
abgelehnt. Über diese sportliche Arbeit (Boxer sprechen in diesem
Zusammenhang tatsächlich von Arbeit), in der der Körper und Körperlichkeit
im Mittelpunkt stehen, erfahren die jungen Sportler, daß soziale Randständigkeit
nicht mit Wertlosigkeit einhergehen muß. Der eigene Körper kann hier
vielmehr zur überlebenswichtigen Ressource werden, zum einzig haltgebenden
Fixpunkt.
Die Grenzen und Regeln des Boxsports sind ausgesprochen einfach und für jeden
unmittelbar zu verstehen. Auch die Regeln, die in den Boxclubs herrschten, die
WAQUANT besucht hat, waren von einer kaum zu unterbietenden Einfachheit. Das
erste, was die Neulinge zu lernen hatten, ist, was man im Gym alles nicht
darf: Rauchen, während des Trainings laut zu sprechen, Alkohol trinken;
Frauen, Trainer und die Kollegen (Boxer sprechen von ihren Trainingspartnern
in der Regel als Kollegen, die Nähe zur Arbeitswelt ist offensichtlich) sind
zu respektieren, die Trainingsmethoden dürfen nicht selbständig abgeändert
werden und nach dem Duschen ist es verboten, unbekleidet herumzulaufen. Es war
ebenso verboten, mit der Ausrüstung eine Modenschau durchzuführen, gegen
Gegenstände zu schlagen oder auch nur einen spaßhaften Kampf außerhalb des
Rings anzudeuten oder auszuführen. Diese Regeln wurden entweder direkt
mitgeteilt oder aber ältere Boxer fungierten als Rollenmodell. Diejenigen,
die sich an die impliziten oder explizit genannten Regeln nicht hielten,
wurden aufgefordert, den Club zu verlassen.
Die Clubgemeinschaft ist insofern egalitär, als daß alle Mitglieder gleich
behandelt werden: Der Trainer kümmert sich um den 16jährigen Neuling mit der
gleichen Sorgfalt, wie er mit dem Ringveteranen boxerische Feinheiten
einstudierte (1992, S. 234). Alle Boxer haben dieselbe Aufgabe, nämlich hart
zu trainieren und sich an die Clubregeln streng zu halten.
WAQUANT entdeckt in den von ihm besuchten Clubs jedoch auch quasi-totalitäre
Strukturen, die das Ziel haben, die Existenz des jeweiligen Boxers komplett zu
regieren. Das Training wird daher von vielen Sportlern auch mit dem Militär
verglichen.
Das Gym steht also in ganz klarer Relation zum Ghetto, es folgt seiner Logik
und gleichzeitig setzt es dem Ghetto etwas entgegen: Gemeinschaft,
Freundschaften, Regelhaftigkeiten und Arbeit mit und an dem Körper als dem
oftmals einzigen Gut.
WAQUANT bezeichnet das Boxen als "soziale Kunst" (1992, S. 236). Die
Regeln und die Regelhaftigkeit der Abläufe können nur wahrgenommen und
begriffen werden durch die körperliche Aktion. Boxen ist dabei weitaus mehr,
als nur eine wilde und wüste Keilerei; es besteht, so WAQUANT, vielmehr aus
einer Reihe strategischer Prozesse, bei denen es darum geht, den Gegner genau
zu beobachten, jede seiner Bewegungen zu erkennen und zu reflektieren (Waquant
hat keine Hemmungen, hier von einem "hermeneutischen Zirkel" zu
sprechen), um so das eigene Handeln genau darauf abzustimmen.
Die unmittelbare kämpferische Auseinandersetzung im Boxring kann nach meiner
Einschätzung eine oft vernachlässigte Bedeutung für Jugendliche haben, mit
denen sich sonst niemand so richtig auseinandersetzen möchte. Insbesondere an
den Schulen für Verhaltensgestörte, aber auch in der Jugendhilfe, haben wir
es oft mit Jugendlichen zu tun, denen man (und leider oftmals auch Lehrer)
lieber aus dem Weg geht.
Indem man sich in einem zeitlich fest fixierten Rahmen (zeitliche Struktur!) körperlich-regelgeleitet miteinander auseinandersetzt, signalisiert man dem Jugendlichen Vertrauen. Es wird etwas vermittelt, von 'ich traue dir, und ich vertraue dir, daß du Grenzen und Regeln einhalten kannst'. Man möchte kritisch fragen: Wo wird sozial randständigen Jugendlichen dieses Vertrauen überhaupt noch entgegengebracht?
Kampfsportarten stellen keineswegs ein homogenes Gebilde dar. Sowohl die
Wurzeln als auch die soziale Bedeutung, die Heranwachsende ihnen zuschreiben,
differieren stark. Daneben sprechen Kampfsysteme wie Judo oder Ringen, bei
denen der intensive Körperkontakt im Mittelpunkt steht, andere Lernebenen an,
als eine 'Impulssportart' wie etwa das Boxen. Es ist also zu überlegen,
welche Kampfkunst für welche Zielgruppe geeignet ist. Zu bedenken ist, daß
die zugeschriebene soziale Bedeutung durch Jugendliche mit großer
Wahrscheinlichkeit Moden und Trends unterworfen ist. Jedes noch so gut
gemeinte pädagogische Kampfsportangebot kann durchaus am Geschmack der Schüler
vorbeigehen und nicht akzeptiert werden.
Wie ich dargestellt habe, kann psychoanalytische Pädagogik eine interessante
und v.a. hilfreiche Allianz mit unterschiedlichen Kampfsportarten eingehen.
Durch eine psychoanalytische Reflexion des jeweiligen Kampfsystems und der
Inhalte und Methoden können auch aggressive Heranwachsende von diesem
Unterricht profitieren. Voraussetzung hierfür ist allerdings eine
entsprechende Ausbildung des Lehrers: Der Besitz des schwarzen Gürtels allein
garantiert noch keinen emphatischen Unterricht.
Am Beispiel des Boxens läßt sich die Bedeutung ablesen, die das Ausüben dieser 'proletarischen Kunst' für benachteiligte Heranwachsende haben kann. Bezogen auf den schulischen Bereich können Kampfsportarten also einen hohen Wiedererkennungswert schaffen, und so die Verbindung zwischen Alltagswelt und institutionalisierter Lernwelt herstellen. Und dies wäre mit Sicherheit bereits ein Gewinn.
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